Auszug aus dem Jahresbericht 1987 / 88

Notizen aus dem Landheim

Das herausragende Ereignis dieses Landheimjahres war ohne Zweifel der Abschied von Frau Kaltenecker, die aus gesundheitlichen Gründen gezwungen war, im April dieses Jahres die Arbeit in Holzhausen niederzulegen. Seit 1975 führten sie und ihr Mann das Landheim, sorgten sich um Pflege des Hauses, das Herr Kaltenecker zum Einstand gleich einmal weißelte, kochten für die oft unersättlichen Schüler und ertruge, zumeist mit erstaunlicher Geduld, das Treiben von Schülern und Lehrern. Was die Bewirtschaftung eines solchen Hauses für Arbeit machte, war allen Beteiligten klar; jetzt aber, wo wir auf einmal allein,dazu noch von München aus, uns um alles kümmern sollen, ermeßen wir im nachhinein, was Herr und Frau Kaltenecker in all diesen Jahren geleistet haben. Als im Jahre 1982, kurz vor dem 50-jährigen Landheimjubiläum, Herr Kaltenecker starb, schien es, als ob das Heim ohne Wirtschafter bleiben müße. Die Zukunft sah, mitten im Jubiläum, düster aus. Aber dennoch ging es weiter: Frau Kaltenecker nahm, unterstützt von einer tüchtigen und resoluten Bekannten, Frau Kraut, die Sache in die Hand, und so führten die beiden Frauen sechs Jahre lang die Wirtschaft des Hauses. Sind gesunde Lehrer schon einmal froh, nach den anstrengenden Tagen im Landheim wieder nach Hause fahren zu können, so war es um so bemerkenswerter, wie Frau Kaltenecker und Frau Kraut den Trubel hinnahmen. Und wenn man weiß, welche Leiden und Strapazen Frau Kaltenecker hatte ertragen müßen, die als junges Mädchen gegen Ende des zweiten Weltkrieges nach Rußland verschleppt worden war, dann versteht man auch den schlechten Gesundheitszustand dieser tapferen Frau und daß sie, die so gern und so viel arbeitete und die trotz ihres schweren Leidens ein fröhlicher Mensch war, viel zu früh und ganz gegen ihren Willen sich gezwungen sah, ihre Arbeit im Landheim aufzugeben, und es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, daß die gewiß nicht leichte und erholsam zu nennende Arbeit im Landheim ihrer Gesundheit nicht gerade förderlich war. So gilt heute all unser Dank ihr und Frau Kraut und wir wünschen ihnen beiden von Herzen viele schöne Jahre bei hoffentlich beßerer Gesundheit.

Aber das Leben im Landheim mußte weitergehen, so lange wenigstens, wie sich, trotz aller Unzul¨nglichkeiten und Unzumutbarkeiten des Hauses, immer noch Lehrer finden, die die Schüler begleiten und ihren pädagogischen Eros nich allein auf die Schulzimmer in der Albrechtstraße beschränkt sehen wollen.Was nun tun ohne Wirschafterin? Aber es ging trotzdem, so wie es mit dem Landheim erstaunlicher- und wunderbarerweise halt bis jetzt irgenwie immer weiter gegangen ist. Die Vorstandschaft des Landheimvereins ging auf Heimelternsuche! Es ist hier nicht der Platz, all die Telefonate, Vorstellungnsgespräche, Landheimbesuche aufzuzählen; es genügt zu sagen, daß viel Arbeit viel Frustration einbrachte. So mußte man sich einstweilen anders behelfen, bis eine Nachfolge für Frau Kaltenecker gefunden war. Neue Erlebnismöglichkeiten, neue Landheimerfahrungen taten sich auf: zum erstenmal seit vielen Jahren waren Schüler und Lehrer ganz allein im Landheim, fast alles mußte selber gemacht werden - und es klappte sogar! Mittag- und Abendeßen werden von einer Firma geliefert, für die Verteilung der Portionen haben Lehrer wie Schüler zu sorgen, das Frühstück muß ganz in eigener Regie hergestellt werden und auch Abwasch, Küchen- und Hausreinigung liegen in den Händen der Hausbewohner. Eine Putzfirma wirkt am Wochenende da fort, wo die Schüler vor der Abreise am Freitag schon andeutungsweise aktiv gewesen sind. Die so gesammelten Erfahrungen waren rundweg positiv: es machte Spaß, in der Küche zu wirtschaften, Getränke zu verkaufen, Tee zu kochen und, falls gewünscht oder erforderlich, auch mal selber einen Nachschlag zu produzieren. Gerade die in Haus- und Wirtschaftsführung nicht sonderlich erfahrenen Schüler mußten nun auf einmal selber zulangen, beim Einkauf im Großmarkt Preisvergleiche anstellen, Rechnungsbücher anlegen, für Sauberkeit in Küche, Gang und Eßraum sorgen und vieles mehr. Ganz wie von selbst arbeiteten Lehrer und Schüler zusammen, aber ganz anders als in der Albrechtstraße, und das oft bemühte Wort vom sozialen Lernen und Leben in der Gruppe wurde unversehens Wirklichkeit. Sonst paßiv und mißmutig vertrödelte Zeit füllte sich mit aktiven Leben, alle wirkten mit, denn alle wollten schließlich ordentlich eßen und auch nicht auf Soßenresten durch die Gänge schliddern. Freilich - für die Lehrer bedeutet das eine Menge Arbeit, Umsicht und Organisationstalent, mehr als früher, aber auch mehr Befriedigung aufgrund der nutzvollen verbrachten Zeit, und es ist nötig zu sagen, daß bei den Schülern unter diesen neuen Umständen verborgene Talente zum Vorschein kamen, was ein erfreulicher Nebeneffekt war.

Inzwischen aber ist in der Tat ein junges Paar gefunden worden, das sich von den Gegebenheiten des Landheims nicht abschrecken ließ; zum Zeitpunkt der Abfaßung dieser Notizen bemüht es sich, die seit 14 Jahren nicht mehr renovierten kleinen Wohnräume der Wirtschafter herzurichten, um eine einigermaßen menschenwürdige Bleibe zu haben. Die Sauberhaltung des Hauses sowie die Zubereitung des Frühstücks gehört künftig zum Aufgabenbereich von Frau Bayerschmidt, die sich auch sonst um das Haus kümmern wird, das ja auf Dauer nicht leer und unbewohnt bleiben darf. Es ist zu hoffen, daß somit wenigstens die Bewirtschaftung des Landheims gesichert ist. Die Notwendigkeit der Innensanierung, von der im Jahresbericht 1986/87 ausführlich berichtet wurde, bleibt davon unberührt.Ob sie gelingen kann, muß die Zukunft erweisen.

W. Grashey