Auszug aus dem Jahresbericht 1981 / 82

Das Schullandheim wird 50 Jahre alt

Am 12. Juli 1932, vor nunmehr also genau 50 Jahren, schrieben die „Münchner Neueste Nachrichten“: „Noch nie hat Holzhausen, das uralte, zwischen prächtigen Wäldern und satten Hügelwiesen idyllisch gebettete Kirchdorf so viele Menschen auf einmal gesehen, als am Tag der Schullandheim-Eröffnung der Rupprecht Oberrealschule. Mit Trommelwirbel und Marschgesang hielten unter Führung ihrer Klaßleiter sämtliche Schüler der Anstalt - rund 900 an der Zahl - festlichen Einzug in das fahnengeschmückte saubere Dörfchen.“ Mit einem Extrazug war an diesem Julitag die gesamte Belegschaft des Hauses an der Albrechtstraße nach Deisenhofen gefahren, um von dort nach Holzhausen zu ziehen, wo „nach Hißen der bayer. Fahne, Singen des Deutschlandliedes, unter Trommelwirbel, Böllerschüßen und Glockenklang“ das Heim seiner Bestimmung übergeben wurde. Zwei Schülerabteilungen, so fährt die „MNN“ in ihrem Bericht fort, zeigten auf der Wiese „wunderbar exakte, schneidige Freiübungen“, Glückwunschschreiben wurden verlesen, wobei dem von SKH Kronprinz von Bayern, deßen Name die Schule trägt, besondere Aufmerksamkeit und Verehrung zuteil wurde. Oberstudiendirektor Dr. Wührer wies in seiner Eröffnungsansprache auf die „alte Geschichte“ hin, „die noch der Erforschung harrt“; denn das Haus sei in eine Römerschanze hineingebaut.

Es ist recht intereßant zu beleuchten, was es mit dieser angeblichen Römerschanze auf sich hat. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts stetzte sich die Ansicht durch, daß es sich bei allen Bauten dieser Art um eine „Einfriedung spätkeltischer Gutshöfe.“ Aber die Forschung blieb bei dieser Theorie nicht stehen: 1931 sprach F. Drexel, Direktor der Römisch-Germanischen Kommißion, die Viereckschanzen, so wie sie in Holzhausen zu Beobachten sind - als Schanze 1 wird unsere Landheimschanze bezeichnet, die den jetzigen Ballplatz umschließt, Schanze 2 liegt 100 m östlich des Landheims jenseits der Eulenschwanger Straße - zum erstenmal als „Stätten kultischer Handlung“ an. So ergaben sich nun mehrere Deutungsmöglichkeiten: stellten die überall im süddeutschen Raum anzutreffenden Viereckschanzen einfache Gutshöfe dar, waren sie Viehpferche, Befestigungen oder in der Tat Plätze „kultischer Handlungen“?

Es vergingen noch einmal 20 Jahre, bis 1950 topografische Vermeßungspläne im Maßstab 1:1000 von allen bayerischen „Schanzen“ vorlagen. Ungeachtet ihrer Lage weisen sie alle das selbe Bauschema auf: sie sind viereckig, ein Wall ist von einem Außengraben umgeben, ein Tor öffnet sich in der Mitte, das aber nie nach Norden zeigt; die Höhendifferenz Grabensohle-Wallkrone beträgt ca. 5 m, womit diese spätkeltischen Anlagen also kein ernstzunehmendes Hindernis darstellten; zudem konnten sie oft von nahegelegenen Höhen voll eingesehen werden, was auch bei den holzhausener Schanzen der Fall ist; die Wehrtheorie scheidet also aus.

Die Erkenntnis, daß bei der Orientierung der Tore dieser Schanzen bestimmte Himmelsrichtungen bevorzugt wurden, nie aber der Norden, deckte sich überraschenderweise mit der Tatsache, daß sich der Eingang der gallo-römischen quadratischen Umgangstempel in Richtungen öffnete, nach denen auch die Tore aller spätkeltischen Viereckßchanzen wiesen. Somit schien der Beweis erbracht, daß der Platz einst heiliger Bezirk war! Zudem machten Grabungen unter Wall und Graben Spuren einer Vorgängeranlage sichtbar, was als Beweis für die Kontinuität einer solchen kultischen Anlage gewertet wurde.

Es würde im Rahmen dieser kurz gefaßten Übersicht zu weit führen, die Etappen der wißenschaftlichen Untersuchungen genau zu beschreiben, die in den Jahren 1957-1962 das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege in Holzhausen an der Schanze 2 vornehmen ließ. Wichtig bleibt jedoch die Feststellung, daß durch diese Tätigkeit der Archäologen der Name unseres Landheimdorfes in der wißenschaftlichen Welt ein Begriff geworden ist.
Im Verlauf dieser Außgrabungen stieß man auf einen 18 m tiefen Schacht, später wurden noch drei 6,5 m tiefe Schächte freigelegt. Sie alle dienten nicht als Brunnen oder Zisternen; ihre Anlage blieb rätselhaft, bis man in einem der 6,5 m tiefen Schächte in der Tiefe von 4 m Spuren eines 2 m langen Holzpfahls fand, der bis zu seiner ursprünglichen Hälfte im Grund der Tiefe verfestigt war, während die obere Hälfte frei im Schacht nach oben ragte.

Im Laufe der Zeit wurde auch sie allmählich zugeschüttet. Genaue chemische Analysen ergaben nun, daß Blut und Organe in den Schacht rund um den Holzpfahl eingefüllt worden waren. Es ist aus keltischen Sagen und Märchen bekannt, daß gerade die Götter des chtonischen Bereichs bei den Kelten große Verehrung genoßen; wir wißen von der Verehrung geheimnisvoller Brunnennymphen und Höhlengottheiten. Auch die griechische Frühzeit kennt ähnliche Gebräuche, wenn zur Versöhnung der „Unteren“ in Gruben und Höhlen Totenopfer vollzogen wurden, wie es Homers Bericht von Odyßeus' Totenbefragung zeigt. In Frankreich wurde in einem ähnlichen Schacht einer Viereckschanze anstelle einer Holzpfahles die Statue einer weiblichen Gottheit aufgefunden. So liegt die Vermutung nahe, daß auch der Holzhausener Pfahl Symbol für eine Götterfigur war, der Tier-, vielleicht auch Menschenopfer gebracht wurden.

Dieser Ausflug in die Frühgeschichichte mag zeigen, auf welch geschichtsträchtigem Boden unser Landheim steht. Das Haus selber aber vermag auch einiges zu erzählen: die frühest erwähnten Besitzer sind die „Hofer von Rattenberg an Inn“ um 1500 gewesen. 1612 erwirbt den damals „Niderhof“ genannten Sitz Dr. Cosmas Fagh, Kanzler zu Burghausen, 1698 wird es von Christoph Mayr, kurfürstl. „Hofpapierer“ in der Au bei München angekauft. Sein Sohn, der diesen einzigen Steinbau des ganzen Dorfes Holzhausen 1718 erbte, baute ihn nun zum „Schlößl“ um, wie unser Landheim früher genannt wurde. Als 1816 die Mayr außterben, wechseln die Besitzer sehr oft. 1878 verkaufte eine Freifrau Berta von Temple das Haus an Friedrich Eha von Schönberg/Württenberg, der das Schlößl wieder in ein Bauernhaus umwandelte und nach Westen zu vergrößerte. Am 28.9.1931 konnte dann der zu diesem Zweck 1930 gegründete Landheimverein, der durch Sammlungen und Spendenaktionenvon den Eltern der Schüler der damaligen Rupprecht-Oberrealschule 6000 Reichsmark zusammengebracht hatte, den Kauf von Haus und Grundstück für 8000 Reichsmark notariell verbriefen laßen. Freilich mußte das ehemalige Bauernhaus nun seinem neuen Zweck entsprechend umgebaut werden: aus dem alten Stall wurde sinnigerweise der Waschraum, neue Kamine wurden gebaut sowie das Dach erneuert; die Inneneinrichtung wurde „durch die liebevolle und aufopfernde Arbeit der Schülermütter beschafft, die in wochenlangen Arbeiten die Wäscheaußteuer des Heimes unentgeltlich schufen“. Also auch damals schon konnte das Landheim nur bestehen, weil sich viele freiwillige und engagierte Hände bereitfanden, an diesem Werk mitzuarbeiten. Man muß sich nur fragen,warum heute eine derartige Initiative so schwer zu realisieren ist! Als im Oktober 1934 im 1. Stock des Südflügels mit dem Ausbau der Schlafräume, des Lehrsaals und des Lehrerzimmers begonnen wurde, lesen wir im Jahresbericht 1936 zur 25-Jahr-Feier der Rupprecht-Oberrealschule München: „Leider versiegten die Mittel zur Vollendung des Hauses. Nur im Rohbau steht leider ein Teil da. Wenn jedoch der Opfersinn der Eltern, wie wir zuversichtlich hoffen, nicht erlahmt, dann dürfte in absehbarer Zeit das Endziel doch zu erreichen sein.“

Auch und gerade 1982 hat dieser Seufzer nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt. Angesichts der ständigen Belegung des Landheims durch Klaßen unserer und anderer Schulen ist das Haus eigentlich immer „im Rohbau“ stehengeblieben, ständig muß, (als Realist und Kenner der Verhältniße in der Kaße des Landheimvereins ist man freilich genötigt zu sagen : „müßte“) repariert und verbeßert werden . Wir wollen ja nicht die kultischen Gebräuche der alten Kelten wieder einführen und mit Blutopfern die Götter der Tiefe milde stimmen; reichliche Geldspenden z.B. würden es ja auch schon tun und die Neugestaltung der Schlafräume erleichtern. Hier ist der Studiengenoßenschaft „Rupprechtia“ herzlich zu danken, die in diesem Jahr dem Landheimverein den hohen Betrag von DM 2000,- zur Verfügung stellte. Das zeigt, wie sehr sich auch die ehemaligen Schüler des Rupprecht-Gymnasiums für ihr altes Schullandheim einsetzen, mit dem sie gewiß eine Fülle von Erinnerungen verbinden. Für dieses große Engagement, das nun schon viele Jahre währt, sei der „Rupprechtia“ herzlicher Dank ausgesprochen. Gleichzeitig seien alle, denen das Fortbestehen des Landheims am Herzen liegt, aufgerufen, Landheimverein, Schulleitung und Elternbeirat in ihrem Bemühungen mit hilfreicher Tat zur Seite zu stehen!

W. Grashey