Auszug aus dem Jahresbericht 1973 / 74

Für und wider das Schullandheim

Es lohnt sich immer, nach gewißen Entwicklungsphasen Aufwand und Ertrag einer Institution für den pädagogischen Bereich sowohl in schulischer als auch in wirschaftlicher Beziehung gegeneinander abzuwägen und das Fazit zu ziehen. Angesichts der überall verspürbaren Reformtendenzen muß diese Forderung nach Klarheit heute besonders gegenüber den Schullandheimen und ihrem Wert für die Erziehung der Jugend erhoben werden. Es waren die schulreformerischen Bestrebungender Zwanziger Jahre, die die Schullandheimbewegung ins Leben riefen. Inzwischen haben sich die Aspekte zu diesem Problem auf Seiten der Lehrer und der Schüler geändert und der Ruf nach einer Abkehr von der Schullandheimidee stammt nicht nur von einzelnen Schülern, sondern auch vereinzelt von Lehrern mit einer gewandelten Berufsgesinnung. Diese Fragen sich, ob die Lehrer - bei unvoreingenommener Betrachtung der Situation - zugemutet werden kann, etwa 5 mal 24 Stunden Verantwortung mit seiner häuslichen Bequemlichkeit und seiner Freizeit zu tauschen. Sie Fragen sich aber auch, ob die mit solchen Schullandheimaufenthalten verbundenen Aushilfen, Umdispositionen, Unterrichtsausfälle usw. tatsächlich durch erzieherische und bildungsmäßige Erfolge kompensiert werden können. Sie verwehren sich dagegen, daß ihre kritische Einstellung mit einer Verkümmerung ihres Berufsethos gleichgestzt wird und verweisen darauf, daß der Brotherr zeitweise nur geringe Anstalten gemacht hat, Sonderleistungen mit äquivalenten Sonderleistungen zu honorieren.

Aber ist es nicht so, daß der Lehrer als Fachlehrer eines Gymnasiums mit seinem täglich sechsfach gespaltenen Unterrichtsbetrieb seine erzieherischen Aufgaben nur in Bruchstücken erfüllen kann? Er kann seine Schüler außerhalb des Unterrichts überhaupt nicht kennen lernen, menschliche Kontakte schließen oder gar auf die Jungen erzieherisch einwirken. Von der Einflußnahme auf eine Klaßengemeinschaft ganz schweigen. Dem Klaßleiter ergeht es ähnlich. Mitunter gibt es hier nur wenige gemeinsame Erlebniße, die tiefe Eindrücke hinterlaßen. Der Klaßleiter wäre zudem überfordert, wenn er in den besonderen Schulzensuren Fragen über familiäre oder soziale Bezüge eines Schüers beantworten müßte.

So bleibt die empirische Feststellung, daß der Schullandheimaufenthalt nicht nur ein Erlebnis für den Schüler, sondern eine Möglichkeit ist, im wahren Sinne des Wortes die Tür zu den menschlichen Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern zu öffnen und damit zu einem beßeren Verständnis beizutragen. Allein diese Tatsache gleicht den Nachteil der erforderlichen Unterrichtsvertretungen unbedingt aus. Dazu kommt, daß jeder Landheimaufenthalt der Bildung der Klaßengemeinschaft Vorschub leistet. Freundschaften werden geschloßen und bisher nicht erkannte Eigenheiten von Schülern treten offen zu Tage. Man lernt sich kennen. Der Ausfall von einigen Stunden Fachunterricht wird durch die arbeitsunterrichtlichen Impulse wettgemacht, die viele Fächer in reichlichem Maße erfahren. Die Möglichkeiten des Schullandheims sind fast unbeschräo;nkt. Allerdings gehören die Initiative und die Bereitschaft der Lehrer, aber auch die Mitarbeit der ganzen Klaße dazu, sie zu aktivieren. Und was das Wandern betrifft: ein Schullandheimaufenthalt bietet eine sichere Prophylaxe gegen eine Verkümmerung der unteren Gliedmaßen (!).

Wenn auch von den Gegnern bestritten, hat die Schullandheimidee ihre Anziehungskraft bei der Jugend, aber auch bei den Eltern nicht verloren. Sie hat sich als schöpferisch und nachhaltig erwiesen, denn ohne die Landheimaufenthalte wäre die Schulzeit ärmer an Erlebnißen. Der Gedanke, das Schullandheim aufzugeben, wäre eine Abkehr von der inneren Schulreform.

Dr. K. Rauch